Mia Diekow: Miss Independent

Mia Diekow: Miss Independent

Stahlblaue Augen, blonde Wallemähne, bezauberndes Lächeln: Mia Diekow hat nicht nur ein schönes Gesicht, die Wahlberlinerin macht Musik und Texte, die unter die Haut gehen. Für ihr neues Album „Ärger im Paradies“ hat Mia jahrelang Ideen gesammelt und in Texten zusammengefasst, jedes Stück alleine komponiert, aufgenommen und produziert. Das Ergebnis: Eine eigenwillige Melange aus Chansons, Indie-Pop, ein bisschen Blues und Jazz, atmosphärischen Verdichtungen von Filmmusik, begleitet von eindringlichen Beats, Streicherbogen und Klavier. Mit sanft-warmer Stimme erzählt Mia Diekow in ihren Songs vom Weglaufen und sich selbst finden, vom Suchen und Sehnen. Wir haben die sensible Powerfrau zum Interview getroffen.

Wie bist du zur Musik gekommen?
Die Musik ist eigentlich zu mir gekommen. Ich habe schon sehr früh ganz viel gesungen und schon immer gerne Musik gehört. Sie war einfach schon immer da. Mein Papa ist Musiker, er hat als Geiger in einem Orchester gespielt und meine Mutter ist unglaublich musikbegeistert. Sie hat oft mit mir gesungen und vor allem improvisiert. Bis heute habe ich nie eine musikalische Ausbildung im klassischen Sinne genossen, natürlich hatte ich Unterricht, aber durch diese Art von Improvisation habe ich ein Harmonieverständnis und ein Gefühl für Melodien entwickelt, die mir auch unglaublich beim Schreiben helfen. Somit geh da gar nicht mathematisch heran, sondern rein emotional.

Wann war für dich klar, dass du einmal Sängerin werden möchtest?
Ich war eigentlich schon immer Sängerin. Ich habe auch schon früh angefangen Sprachjobs zu machen und als Synchronsprecherin zu arbeiten.

Wem hast du da schon alles deine Stimme geliehen?
Die bekannteste Figur, die ich seit bestimmt zehn Jahren spreche, ist ein kleiner Indianer namens Yakari. Im Moment mache ich aber ganz viele verschiedene Sachen. Vor kurzem habe ich eine Serie gesprochen, eine Adaption des Films „Schnappt Shorty“, da spreche ich eine coole Sekretärin, die die Männer ganz gut im Griff hat. Kürzlich habe ich auch eine Kommissarin in der Netflix-Serie „The End of the F*** World“ synchronisiert. Mein Traum wäre es aber einmal eine Disney-Rolle zu sprechen oder eine Figur, die gar keine Worte benutzt, sondern nur Laute macht, aber das wird wahrscheinlich eher schwierig (lacht).

Nachdem dein Debütalbum „Die Logik liegt am Boden“ bei einem Majorlabel erschien, hast du für dein neues Album jahrelang Ideen gesammelt und in Lyrics zusammengefasst, alle neuen Stücke alleine komponiert, aufgenommen und produziert. Wie kam es dazu? Nach der Erfahrung mit dem Major Label, die ich eher als fremdbestimmt empfunden habe, war für mich schnell klar, dass ich mein eigenes Ding machen wollte. Ich wollte mich nicht mehr festlegen und in eine Schublade stecken lassen. Von Anfang an hatte ich eigentlich immer selber an meinen Demos geschraubt und dann alles von A bis Z selbst zu produzieren, war dann der nächste Schritt. Ich war Ideengeberin, Produzentin und Sängerin in einem und zwei Videos habe ich komplett alleine gemacht. Meine Stücke habe ich ganz alleine komponiert, aufgenommen und produziert: zu Hause im Wohnzimmer und im Berliner „Chez Chérie“ Studio, ganz ohne Plattenfirma oder Agenten im Rücken. Ich war dadurch natürlich sehr stark gefordert und involviert, aber in diese Rolle bin ich immer mehr hineingewachsen und bin inzwischen ein echt guter „Boss“ geworden, ich habe ja auch einige Leute beschäftigt. Aber ich muss auch sagen, dass ich das Glück hatte, so gut vernetzt zu sein und so viele künstlerisch begabte Menschen um mich herum zu haben, die mich alle unterstützt haben.

Würdest du sagen, dass es Frauen in der deutschen Musikindustrie schwerer haben als Männer?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre nicht so. Die Ursache lässt sich auch ganz klar benennen: Frauen haben es unter Umständen leichter in dem Business, wenn sie nach einem normativen Begriff sehr gut aussehen. Das ist sehr oberflächlich. Alltagssexismus in der Musikbranche ist wirklich kein Witz und Selbstbestimmung ein großes Thema. Die Strukturen brechen aber immer mehr auf und das ist eine sehr schöne Entwicklung. Frauen beginnen immer mehr wie ich, sich zu recorden und haben keine Angst mehr vor der Technik. Mein Traum wäre es, in ein bis zwei Jahren jungen Frauen in diesem Bereich Workshops geben zu können. Ich finde, es ist sehr wichtig, autark zu sein. Was nicht heißt, dass man nicht mit anderen Künstlern kollaborieren kann, aber auf Augenhöhe zu sein und selbstbestimmt zu arbeiten.

Die Videos zu seinem neuen Album sind sehr künstlerisch und haben schon fast etwas von Performance Art – was hat dich dazu inspiriert?
Ich hatte schon länger den Traum, einen One Shot zu machen. Dazu inspiriert hat mich der Dokumentarfilm „Marina Abramovic – The Artist Is Present“. Diese Frau hat mich tief beeindruckt, sie ein Kunstwerk! In dem Film sitzt sie im New Yorker MoMA auf einem Stuhl und tut nichts anderes, als denen in die Augen zu sehen, die ihr gegenüber Platz nehmen. Sie versucht eigentlich gar nicht zu reagieren, aber natürlich ist es Wahnsinn, wie viel Interaktion da ist. Die Leute fangen an zu weinen, zu lachen und zeigen eigentlich alle Arten von Emotion. Das fand ich super spannend und habe die Idee entwickelt, Videos zu meiner Musik zu machen, und darin nur eine einzige Emotion in Zeitlupe wirken zu lassen. Das passt auch ganz gut, weil die Songs so schön elegisch sind und das Video somit auch fast gar keinen Schnitt brauchte. Im ersten Video „Du willst mich“ zeige ich die weibliche Lust und sogar einen weiblichen Orgasmus, in dem zweiten Video „Mondaugen“ Traurigkeit.

In dem Video zu „Mondaugen“ weinst du – hattest du keine Angst, dass du dich damit besonders verletzlich zeigst?
Also klar mache ich mich mit solchen Videos natürlich unglaublich angreifbar, aber ich sehe es gar nicht so, weil ich sowieso ein sehr sensibler Mensch bin und aus meiner Sensibilität auch gleichzeitig immer auch meine Kraft schöpfe. Ich finde es falsch, dass der moderne Mensch glaubt, er müsse irgendwie immer stark sein. In „Mondaugen“ geht es genau darum, um die Zerbrechlichkeit des Menschen. Schmerz, Trauer, Glück – das ist alles eins und umso mehr glaube ich, dass ein„runder“ Mensch sich wirklich selbst realisieren muss und damit meine ich nicht diese Perfektionsnummer, die viele fahren mit, ich muss schlank und schön sein. Damit meine ich eine Selbsterkenntnis und dazu gehört es auch, seine Emotionen anzunehmen.

Wann hast du zum letzten Mal geweint?
Das ist erstaunlich lange her, weil ich gerade so glücklich bin. Aber ich hatte eine Träne der Rührung in den Augen, als ich neulich nachts aufgewacht bin. Ab und zu wache ich von meinen eigenen Emotionen auf sowohl lachend als weinend, das ist ziemlich abgefahren (lacht).

Beim Songs schreiben zeigt man als Künstler viel von seiner Seele – gibt es keinerlei Selbstszensur bevor ein Text von dir auf einer Platte landet?
Auf jeden Fall findet schon im Schreibprozess sicherlich eine Form von kleiner Zensur statt. Ich bin sehr offen, aber ich verschlüssele auch einiges. Wenn man genauer hinhört, kann man in meinen Songs eine Menge über mich erfahren.

Woher nimmst du die Ideen für deine Texte und deine Musik?
Tagebuch schreiben ist für mich eine Quelle der Inspiration und auch der Entlastung. Viele Texte nehme ich aber auch mit Sprachmemos auf. Wenn ich zum Beispiel einen intensiven Traum hatte, halte ich die Geschichten fast noch im Schlaf auf Band fest. Träume sind unglaublich tolle Inspirationen für mich, weil man darin unbewusst Bilder aufbaut und diese an seinen persönlichen Strand spült. Als Ideengeber und Bildquelle sind sie also unglaublich wertvoll für mich. Viele Ideen nehme ich aber auch aus Filmen, aus Lyrik, aber auch aus der Musik.

Was auffällig ist, du arbeitest gerne mit Sprache.. Woher kommt diese Faszination?
Ich habe schon in meiner Kindheit gerne gelesen, ich konnte schon früh sprechen und hatte immer schon einen großen Wortschatz. Als Kind hatte ich einen Kassenrecorder und habe mich schon damals selbst aufgenommen und meine Gedanken auf Band gequatscht. Kommunikation hat mich irgendwie schon immer fasziniert. Wörter interessieren mich sowohl auf ihrer Bedeutungsebene als auch in ihrem Klang. Die deutsche Sprache ist zwar wahnsinnig schrecklich beim Singen und manchmal ist es wirklich schwer, Texte auf Deutsch zu schreiben, die wohlklingend sind. Aber die deutsche Sprache ist eben auch super präzise und poetisch. Auf Englisch ist es zwar einfacher zu singen und es klingt auch wirklich schön, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass die Leute viel stärker auf meine deutschen Texte reagieren. Songs auf Deutsch sind ja auch irgendwie viel intimer und transportieren mehr Gefühl.

Dein neues Album heisst „Ärger im Paradies“. Wie bist du auf den Titel gekommen?
Ich denke, ich bin einerseits erwachsener geworden und auch auf Widerstände gestoßen und andererseits auch super konfliktscheu. „Ärger im Paradies“ ist ja auch ein Widerspruch in sich und mit diesem Wortspiel oder diesem Bild, wollte ich einfach ausdrücken, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Das Paradies ist zwar schön und viele Dinge sind toll und fühlen sich gut an, aber zu welchem Preis? Ich hatte lange überlegt und hatte auch Ideen, die waren mir aber alle zu verkopft. Dann bin ich auf den Film mit dem Titel „Ärger im Paradies“ gestoßen und das Bild fand ich sehr greifbar.

Deiner Musik haftet etwas Kindliches und zugleich Abstraktes an. Das ist ebenfalls eher gegensätzlich..
Ja, ich bin eine Mischung aus einem kindlichen und einem sehr düsteren Menschen. Ich habe diese Leichtigkeit und Verspieltheit, bin aber auch oft melancholisch, fast schon pessimistisch und dazwischen oszilliere ich die ganze Zeit.

Ursprünglich kommst du ja aus Hamburg. Was hat dich nach Berlin geführt und was fasziniert dich besonders an dieser Stadt?
Genau, ich komme aus Hamburg, Ich liebe diese Stadt, weil da der schönste Wind weht und am Hafen zu stehen, ist einfach ein Traum. Aber Berlin bietet für mich als Synchronsprecherin einfach mehr Möglichkeiten. Ich musste auch hierherkommen, um mich weiterzuentwickeln. Berlin hatte eigentlich immer schon eine große Anziehungskraft für mich. Aber ich muss ehrlich gestehen, es ist eine Art von Hassliebe für mich. Vieles hier ist wirklich sehr oberflächlich und schnelllebig. Aber alles in allem finde ich Berlin immer noch toll und vor allem kulturell gesehen ist es natürlich „The place to be“. Es gibt wenige Orte im Moment auf unserem Planeten, wo so viel passiert und so viel Drive und Bewegung besteht.

Wie sieht ein perfekter Tag für dich in Berlin aus?
Das ist schwer zu sagen, weil ich absolut die Vielfalt lebe und eigentlich sehr viel arbeite. Ein wunderschöner Tag wäre auf jeden Fall einer, wo ich aufwache und erstmal kurz die Seele baumeln lassen kann und nicht sofort loshetzen muss. Dann würde draußen die Sonne scheinen, ich würde einen Kaffee trinken und erst einmal eine halbe Stunde durch die Gegend tüdeln. Dann würde ich tatsächlich ein bisschen arbeiten, weil ich eigentlich super gerne arbeite und Musik mache. Dann könnte auch mal wieder irgendwas anderes Schönes passieren, ich würde vielleicht etwas Leckeres essen, im schönsten Falle in die Natur gehen, Musik hören, mich mit netten Leuten verabreden, Quatsch machen und herumalbern. Und dann brauche ich noch eine richtig lange Umarmung, dann ist alles gut. Ein Tag mit einer Mischung als harter Arbeit und Entspannung ist genau das, was ich mir unter einem perfekten Tag vorstelle.

Was hast du als nächstes geplant?
Bald bin ich als Support-Act mit der wunderbaren Elif auf Tour und am 16. Februar 2018 kommt auch schon mein neues Album auf den Markt. Eine eigene kleine Tour ist auch in Planung und vielleicht lädt mich ja das eine oder andere Festival ein, auf der Bühne zu stehen. Ich freue mich jedenfalls tierisch darauf, zu spielen und es kommt auch noch ein Video raus. Ihr dürft also gespannt sein.

Tourdaten Mia Diekow:
2. März 2018 im Kesselhaus Berlin
3. März 2018 im Waschhaus Potsdam

Tickets: ab 25 Euro auf ticketmaster.de und an allen bekannten Vorverkaufsstellen