Andreas Loh und die Kraft der Musik

Andreas Loh und die Kraft der Musik

Mit dunklem Lockenkopf, lässiger Pose und unheimlich sympathischem Lächeln – so sitzt Pianist und Tāla Yogalehrer Andreas Loh beim Treffen in Berlin vor uns und eines ist sofort klar, dieses Gespräch wird spannend werden. Denn der Künstler und Wahlberliner besticht auf den ersten Blick durch eine besondere Tiefe, eine Spiritualität, die gar nicht aufgesetzt, sondern einfach ganz natürlich wirkt – und der erste Eindruck bleibt.

Der studierte Schlagzeuger und Pianist beschäftigt sich bereits seit seinem 23. Lebensjahr intensiv mit Yoga und spirituellen Praktiken und zählt heutzutage zu den bekanntesten Yogalehrern Deutschlands, der selbst Hollywood-Schauspielerinnen wie Parker Posey schon Asanas beibrachte.

Doch plötzlich rüttelt 2008 die Diagnose Krebs sein Leben auf und seine Erkrankung löst einen intensiven Transformationsprozess aus. Der Künstler fängt an, berührende Klaviermusik zu komponieren. Das Resultat kann sich sehen, hören und vor allem fühlen lassen: Sein fünftes Album „Becoming“, in dem er diesen Veränderungsprozess verarbeitet und uns auf eine intensive Reise zu sich selbst mitnimmt. Denn eines ist ganz klar: Für Andreas Loh ist Musik mehr als die Aneinanderreihung von schönen Klängen. Musik ist für ihn der stärkste Ausdruck einer alles durchdringenden Kraft. Wir haben mit dem charmanten Lockenkopf über die Verbindung zwischen Yoga und Musik, seiner Liebe zu Berlin und die Sinnsuche des Lebens gesprochen.

 Du bist studierter Schlagzeuger und Pianist und Tāla Yogalehrer – deine Krebserkrankung in 2008 löste einen Transformationsprozess aus, der auch dein neues Album „Becoming” hervorbrachte – erzähle uns doch, wie genau diese Transformation aussah?

Das ist ein harter Prozess und schwierig in einem Satz unterzubringen. Damals war ich in der Blüte meines Lebens, kerngesund und total im Yoga-Thema drin, meine Tochter war gerade anderthalb Jahre alt und bei einer Routineuntersuchung bekam ich die Diagnose Krebs– und das war natürlich erstmal ein Schock. Da ich schon immer Musiker war – ich habe ja Schlagzeug studiert und in vielen Bands gespielt –  war es immer mein Wunsch zu komponieren. Mir wurde klar, dass sich irgendwas ändern muss, denn wenn du mit 32 so eine Diagnose erhältst, dann ist das eine Aufforderung vom Leben, etwas zu verändern. Ein paar Wochen nach OP und Chemo habe ich erkannt, wie ich mich selbst davon abhalte, meinen kreativen Fluss fließen zu lassen und habe angefangen, zu komponieren. Ich bin sehr dankbar diese schwere Zeit in etwas Positives umzuwandeln.

Wenn Du Dich in drei Stichwörtern beschreiben müsstest, wie sähen diese aus?

Emotional, leidenschaftlich und humorvoll.

Dein neues Solo-Piano-Album „Becoming“ hast du im Aufnahmesaal des ehemaligen Funkhauses der DDR in Berlin eingespielt – hat du diesen Ort ganz bewusst ausgewählt? Wenn ja, warum?

Ja, klar, denn das ist ein bekannter Ort. Berühmt für seine gute Akustik, weil viele große Leute schon dort gespielt und aufgenommen haben. Im ehemaligen Funkhaus steht ein fantastischer Flügel und es finden sich dort einfach die perfekten Gegebenheiten für gute Aufnahmen.

In fünf Musikvideos zu deinem neuen Album erzählst du uns von deinen wichtigen Lebensphasen und deinem  »Werdeprozess«. Dabei haben dich existenzielle Fragen begleitet, wie zum Beispiel, was es bedeutet, am Leben zu sein oder ob Perfektion zum Glück führt. Du sagst, diese Fragen sind dir oft wichtiger als die Antworten – kannst du erklären, warum das so ist?

Die Grundlage aller Philosophie ist die Erforschung des Seins und dazu die passenden Fragen zu stellen. Zu staunen, sich zu wundern. Wir haben jetzt Jahrtausende von Philosophiegeschichte hinter uns, und auf viele Fragen gibt es immer noch keine Antwort. Ich finde, es ist ein wichtiger Teil der menschlichen Reife, sich mit existenziellen Fragen zu beschäftigen. Es hilft uns, in die Tiefe zu gehen und zu sehen, wie unfassbar bedeutend es ist, dass wir dieses Leben leben dürfen und was für ein Geschenk es ist, die menschliche Erfahrung machen zu dürfen, und zwar mit all ihren Höhen und ihren Tiefen. Da ist das Hinfühlen in den jetzigen Moment sehr wichtig, fernab vom Planen und vom Schauen in die Vergangenheit. Was ist im Jetzt bedeutend – diese Frage führt zu einer Bewusstheit und Tiefe. Und Tiefe führt zu Schönheit, und das Schöne führt zur Freude. So dass man das Leben leichter nehmen kann. Meine Krankheit war ein gewisser Lernprozess, sie half mir, mehr in die Tiefe zu gehen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Musik eigens für den Yogaunterricht zu komponieren?

Es ist daraus entstanden, dass ich mich intensiv mit Yoga beschäftigt habe und gleichzeitig auch intensiv mit Musik. Ich habe damals 10 Stunden am Tag Schlagzeug geübt, und Yoga anfangs als Ausgleich benutzt, um diese 10 Stunden zu überleben.  Ich war schon immer ein spirituell suchender Mensch und nach meiner Krankheit wurde mir klar: Beides gehört zusammen.

Andreas, erkläre uns, was Tāla Yoga und was genau bedeutet der Begriff Tāla?

Tāla bedeutet wörtlich Rhythmus/Puls und musikalisches Zeitmaß. Tāla Yoga ist ein modernes Yogasystem, bei dem die Übenden mit der Musik zusammen atmen und die Bewegungen ausführen. Wir alle suchen nach Harmonie und was gibt es harmonischeres als Musik. Tala Yoga bedeutet auch von der Musik zuhören zu lernen. Doch unser Geist ist unglaublich schnell und will immer in die Zukunft oder die Vergangenheit, und durch das Zuhören, das Atmen und die Musik bist du im jetzigen Moment – Tāla Yoga hält dich im jetzigen Moment. Musik wird als ein spirituelles Medium um zu lernen genutzt.

Wo in Berlin kann man Tāla Yoga-Unterricht nehmen? Und wo befinden sich die besten Yoga Studios der Stadt?

Ich gebe natürlich Tāla Yogastunden und toure auch deutschlandweit mit meinen Yoga-Workshops und bin mittlerweile auch international unterwegs, wie beim Yoga Festival in Coventry in England.

(Anm. der Redaktion: Andreas Lohs nächster Yoga Workshop in Berlin findet am 13.5. im Shaktiloft in Kreuzberg statt.)

Was bedeutet Berlin für dich? Was genau verbindest du mit der Stadt?

Berlin ist die “City of Dreams”. Berlin ist für mich die schönste und interessanteste Stadt in Deutschland und neben New York wahrscheinlich auf der ganzen Welt. Ich liebe Berlin, ich bin jetzt seit 15 Jahren hier und denke, es ist ein toller Schmelztiegel, wo Kunst, Yoga, angenehmes Leben und Kultur zusammenkommen.

Was sind Deine Lieblingsecken? Du bist sehr spirituell – was sind Orte mit besonderen Erinnerungen?

Ich liebe den Mauerpark und den Prenzlauer Berg, da habe ich lange gewohnt. ich mag auch Friedrichshain und Kreuzberg, da wo die ganzen Freaks unterwegs sind. Ich liebe auch die Anonymität der Stadt, denn sie gibt dir eine gewisse Freiheit. In Berlin kannst du wirklich sein wie du willst und niemand stört sich daran.

Beschreibe deinen perfekten Frühlingstag in der Hauptstadt, wie genau würdest du ihn verbringen und warum?

Ich gehe jeden Morgen am Tegeler Fließ in Reinickendorf laufen, und verbringe meinen Start in den Tag in der Natur, was einfach fantastisch ist. Dann wäre es toll, in die Stadt reinzufahren und beim Prenzlauer Berg mit meinen Kids ein bisschen durch die Straßen treiben zu lassen, dann ins Atze Musiktheater im Wedding zu gehen oder bei Annablume Kaffee und Kuchen zu genießen.Danach würde ich bei Friends im Prenzlauer Berg Sushi essen gehen. Den Tag ausklingen lassen würde ich mit einem Jazz-Konzert im A-Trane.

Welchen Rat würdest du deinem Mitmenschen geben, die auf der Suche nach Erfüllung und Glück sind?

Keinem Rat zu folgen, sondern vor allen Dingen zu lernen sich selbst und dem Leben zuzuhören, nach innen zu schauen und die Antworten vor allem innen zu suchen. Das kann natürlich beinhalten, dass man mal zu einem spirituellen Lehrer geht oder zu einem Psychologen und sich Hilfe holt, aber letztlich finden sich die wirklichen Antworten im Inneren von uns, und nicht außerhalb von uns. Musik ist da ein wunderbares Medium, sich dem Thema anzunehmen. Es kann wirklich hilfreich sein, sich hinzusetzen nichts zu tun und nur der Musik sie einen berührt genau zu hören, wie zum Beispiel mein neues Album „Becoming“. (Anm. der Red. Andreas schmunzelt)  Hören führt uns ganz von alleine nach innen zu unseren Gedanken und Gefühlen. Man kann darüber selbst erfahren, was einem wirklich wichtig ist. Ich glaube, dass Live-Konzerte wirklich lebensverändernd sein können. Um es mit dem Musiker Robert Fripp, Gitarrist der englischen Band King Cramson, zu sagen: „Music is a powerful and direct teacher to that degree we are able to hear“  – Musik kann uns lehren, zuzuhören und herauszufinden was in uns ist.

Wann ist dein nächstes Konzert in Berlin?

Am 19.5.findet um 20 Uhr das Record-Release Konzert Paul-Lincke-Ufer in der Ölberg Kirche direkt am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg statt.

Vielen Dank für das Interview!

Lust auf mehr? Weitere Infos zu Andreas Loh und seinem neuen Album „Becoming“ finden Sie hier. Bis zum 29.4. können Sie Andreas zudem bei seiner Crowdfunding Aktion unterstützen – klicken Sie hier.